Akademischer-Seglerverein in München
HomeKontaktImpressumSitemapLogin/Logout nicht angemeldet

Fünf ASVer im Land des Whiskys

Classic Malts Cruise 2003

Schon vor Jahren hatten einige ASVer den Entschluß gefaßt, an der Classic Malts Cruise in Schottland teil zu nehmen. Nachdem sie das Ganze mehrmals verschieben mußten ("kein Geld", "keine Zeit", "keine Crew", "kein Schiff" usw.), war es dieses Jahr endlich soweit. Eine Crew aus fünf ASVern machte sich mit einer 36 Fuß langen Jeanneau auf den Weg, in zweieinhalb Wochen die schottische Landschaft und die auf der Route liegenden Destillen zu erkunden.

Um auf die lauernden Gefahren des Gebietes vorbereitet zu sein, haben wir uns entschlossen, uns noch in Deutschland mit Themen wie Gezeitennavigation, Seenotfällen und kulturellen Sehenswürdigkeiten zu befassen.

Nach so langer Planung wollte unser Proviantmeister nichts dem Zufall überlassen und so schleppte jeder von uns noch vier Kilo Proviant - was man in England halt nicht kriegt: Brot, gutes Fleisch, Käse - mit in den Flieger, der uns dann nach Glasgow brachte. Während der anschließenden Taxifahrt in das verschlafene Örtchen Crinan hatten wir dann die erste Gelegenheit, die Landschaft zu bewundern und den ersten Kontakt zum einheimischen "Bier" aufzunehmen. Am Schiff angekommen, wurde das Auto des Bootseigners auch gleich als Lieferwagen mißbraucht... es muß ihm zumindest so vorgekommen sein, wenn man bedenkt, wieviel Proviant noch vom nächsten Supermarkt beschafft werden mußte.

Die Windstille am nächsten Tag konnte uns nicht schrecken, so daß wir zu völlig unchristlicher Zeit (um 6 Uhr morgens) unter Dieselsegel in Richtung auf unser erstes Ziel Oban ausliefen, wo wir uns ganz offiziell bei der Cruiseleitung registrierten und uns mit einer kurzen Führung durch die Destille auf die abendliche Willkommensparty einstimmten. Der Whisky, der uns beim Betreten der Feier gereicht wurde, ließ denn auch deutlich erkennen, in welche Richtung der Abend laufen würde... geschickter Weise wurde das Buffet aber erst eröffnet, als der eine oder andere Whisky, Cider oder ähnliches die Kehlen der durstigen Gäste hinunter gelaufen war. Alles in allem ein sehr schöner Abend, bei dem sich die ungeheure Freundlichkeit der Schotten und auch die Offenheit aller Teilnehmer zeigte. Der eine oder andere von uns machte hier auch erste Bekanntschaft mit den irischen Teilnehmern an der Cruise, was sich dann im weiteren Verlauf an gewissen Ausfallserscheinungen zeigte. Der Betreffende sucht sein Handy immer noch. Nur der Tatsache, daß das Fest um 9 Uhr von den Veranstaltern beendet wurde, die die Gäste mit Dudelsäcken zum Bootsanleger eskortieren ließen, ist zu verdanken, daß die Freibar nicht noch intensiver genutzt wurde.

Am nächsten Tag - zu angemessen später Stunde - verließ dann die Flotte zu Dudelsackklängen den sicheren Hafen von Oban. Wir wandten uns nach Süden, wo wir in dem schmalen Kanal zwischen dem Festland und dem vorgelagerten Kerrera unsere Segel setzten und uns auf den Weg in die Schottische See machten. Unsere Überraschung war aber groß, als schon nach wenigen Manövern kurz vor einer geplanten Wende das Steuerkabel riß und wir kurzzeitig nur durch Verstellen der Segel manövrieren konnten. Nach einigen Minuten krampfhafter Suche hatten wir dann die Notpinne montiert und konnten "normal" weiterfahren. Naja, so kann's halt passieren bei einem alten Schiff.

Die kommende Nacht verbrachten wir zusammen mit drei anderen Schiffen in einer sehr schönen Ankerbucht namens Tinker's Hole, um nach einem gemütlichen Frühstück dann den ersten Höhepunkt unserer Reise anzusteuern: die Insel Iona.

Iona begrüßte uns zur Abwechslung mit Sonne und T-Shirt-tauglichen Temperaturen. Nach diversen Ankermanövern mußten wir leider feststellen, daß unsere Ankerwinsch nicht mehr funktionierte, jedoch nicht ohne uns vorher die gesamte Energie aus der Starterbatterie zu saugen. Es ist kein schönes Gefühl, weder an einem Anker fest zu sein noch die Maschine starten zu können. Erst mit Hilfe der Verbraucherbatterie konnten wir durch Überbrücken unseren Motor starten und unsere Starterbatterie wieder laden. Durch diese Probleme sowie den guten Ankergrund ermutigt, beschlossen wir in zwei Gruppen das Land zu erkunden. Neben der pitoresquen Landschaft findet man hier auch die älteste Kathedrale Schottlands.

Gegen den späten Nachmittag haben wir dann unsere Cruise in Richtung "Foul Anchorage" fortgesetzt. Trotz des Namens waren wir mit dem Ankerplatz sehr zufrieden. Kurz nach uns lief noch ein Fischtrawler in den Hafen, dem wir einigen Beifang abnahmen.

Am nächsten Tag setzten wir Kurs auf Staffa, eine hauptsächlich aus Basaltsäulen bestehende Insel. Touristische Attraktion ist Fingol`s Cave, eine im Laufe der Zeit durch Ausspühlung entstandene Höhle, die sich durch eine besondere Akustik auszeichnet. Vor dem aufziehenden Schlechtwetter beschlossen wir, nach Tobermory abzulaufen, um dem Schlimmsten zu entgehen. Da wir in Tobermory keine freie Mooring mehr fanden, gingen wir an einem irischen Schiff längsseits und wurden von der Besatzung auf den obligatorischen (hier allerdings irischen) Whisky eingeladen. Nachdem wir mit dem Whisky eine gute Grundlage geschaffen hatten, trafen wir uns später noch mit den restlichen im Hafen liegenden irischen Besatzungen in einem Pub.

Unser nächstes großes Ziel war die Insel Skye, genauer gesagt die am tief eingeschnittenen Loch Harport liegende Talisker Destillery. Ein besonderes Erlebnis war die seglerisch reizvolle Passage durch die enge Durchfahrt in die sich danach auftuende Bucht vor der Ortschaft. Da wir uns für diesen Nachmittag bereits zu einer Whisky-Verkostung angemeldet hatten, mußte die Besichtigung auf den nächsten Tag warten. Das abendliche Fest kam allerdings nicht an die Vorlage von Oban heran, woran die abgelegene Lage der Destille Schuld war. Um uns zum einen von den bisherigen Strapazen zu erholen und zum anderen unsere Radsteuerung zu reparieren, entschlossen wir uns an dieser Stelle zu einem Hafentag mit abendlichen Besuch bei einem Barndance. Seine Beobachtungen an diesem Abend faßte ein Crewmitglied wie folgt zusammen: "In dem Alter, in dem normale Frauen aufblühen, tun schottische Frauen aufgehen."

Schwer geschockt verließen wir am nächsten Morgen die Insel Skye und setzten Kurs auf die äußeren Hebriden. Bei kräftigem Wind liefen wir raumschots nach South Uist, wo wir an einem verfallenen Fähranleger an der einzig windstillen Stelle auf der ganzen Insel festmachten. Nach einem kurzen Spaziergang über die Insel trafen wir auf einen Fischer, der unseren Speiseplan mit frischem "pollack" erweiterte. Leider widerstand der Fisch unseren vereinten Bemühungen, ihm etwas Geschmack zu verleihen. Selbst karamelisiert in Pfefferkruste war er nur bedingt genießbar. Insgesamt also der ideale Fisch für die englische Küche. Ach ja, hinter pollack verbirgt sich übrigens Seelachs...

Nach einigen Boje-über-Bord-Manövern am nächsten Morgen steuerten wir Barra an, die südlichste Insel der äußeren Hebriden. Wegen der widrigen Wetterbedingungen, wir hatten 6-7 Bft. gegenan, blieb es allerdings beim Versuch und wir machten buchstäblich im letzten Tageslicht an einer Mooring in einer Bucht der Insel Coll fest. Es wurde eine unruhige Nacht. Nicht nicht genug damit, daß circa 30 Meter hinter unserem Heck Felsen im Wasser waren, auch der Wind sollte über Nacht so drehen, daß der Schwell genau in die trichterförmige Bucht stand. Zu allem Überfluß weckte uns auch noch in aller Herrgottsfrühe der Hafenmeister, um die Liegegebühr von 10 Pfund (!) einzufordern.

Auf der Überfahrt hatte Bernhard noch ein ganz besonders Erlebnis: Als er die Tür zur Kabine öffnete, schwammen ihm sämtliche Schuhe auf einem Ölteppich entgegen. Nachdem er die ersten 20 Liter entsorgt und unsere Position gemacht hatte, weckte er Frank und ging an Deck. Nach einer guten Viertelstunde rudergehen hatte sein Gesicht auch wieder einen normalen Farbton. Zurückblickend war wohl Wasser über die Stopfbuchse in die abgetrennte Motorbilge gelaufen und von dort mit einigen Dieselresten über die Abtrennung in die Hauptbilge und die Steuerbordkabine geschwappt.

Unser Ankerplatz in einer Bucht an der Nordspitze von Islay entschädigte uns für die letzten Tage. Ein wunderschöner Sonnenuntergang, den wir uns nur mit den in der Bucht herumschwimmenden Seehunden teilen mußten, schmückte unseren Abend. Unser zur Sicherheit eingeschaltete Ankeralarm informierte uns am nächsten Morgen auch zuverlässig, als wir uns beim Aufholen genau über unserem Anker befanden.

Auf die geplante Einfahrt in das navigatorisch sehr anspruchsvolle Loch Tarbert mußten wir allerdings verzichten, da eine dichte Nebeldecke sämtliche Peilmarken vor uns verbarg. Wir schossen darauf hin mit 5 Knoten Schiebestrom durch den Sound of Jura und machten über Nacht am neu gebauten Steg der Caol Ila Destillery fest und stärkten uns mit selbstgemachter Pizza con tutti. Zu unserer großen Enttäuschung wurde die Destille aber gerade renoviert; es gelang uns aber trotzdem, eine Privatführung zu ergattern, in deren Verlauf wir Einblicke erhielten, die sicherlich nicht Teil einer normalen Tour sind.

Auf die Gezeitenströme abgestimmt, liefen wir am nächsten Morgen gegen 10 Uhr in Richtung auf das Ziel der Whisky-Cruise aus, nach Lagavulin. Die Ansteuerung war genauso abenteuerlich wie unsere Karte. "Fahren Sie so, daß sie von der Aufschrift des Lagerhauses nur die Buchstaben ‚ulin' sehen können." Da in der Ansteuerung ausdrücklich vor dem Felsen am Fuße der Backbord-Marke gewarnt wurde, hielten wir natürlich eine angemessenen Sicherheitsabstand... was uns zielsicher auf den uns verschwiegenen Felsen steuerbords führte. Wir befanden uns aber in guter Gesellschaft: 2/3 der schon in der Bucht liegenden Schiffe hatten diesen Felsen auch schon gefunden. Die ganze Affäre belastete uns nicht sonderlich, hatte uns doch der Eigner quasi als Entschuldigung für die veralteten Seekarten zwei wertvolle Sätze mit auf den Weg gegeben: "Rocks don't move!" und "Solange ihr nicht mit mehr als 2 Knoten Fahrt auf Grund lauft, macht es nichts."

Abgerundet wurde die Cruise mit einer fantastischen Abschlußveranstaltung mit sehr gutem und reichhaltigem Buffet, Freigetränken und Livemusik. Schade war nur, daß etliche Schiffe sich entschlossen hatten, Lagavulin nicht mehr anzulaufen sondern direkt in ihre Heimathäfen zurückzukehren - allerdings ohne den Veranstalter davon zu informieren. Glücklicherweise ergaben unsere Gezeitenberechnugnen vom Vortag, daß wir bis zu unserem Zielhafen Crinan mit Schiebestrom rechnen konnten, wenn wir um 11 Uhr auslaufen. Wir nutzen dann an unserem letzten Segeltag das traumhafte Wetter mit Sonne, guten 4 Windstärken von achtern und Schiebestrom, um unter Spi dem Ende unserer Reise entgegen zu rasen. Der Goldene Bleifuß geht übrigens an Sebastian, der im Surf kurzzeitig 11,4 Knoten auf der Logge stehen hatte. Überflüssig zu erwähnen, daß bei diesen Bedingungen auch unser bisher arg reduzierter Bierkonsum das gewohnte Ausmaß erreichte. Bisher war es einfach zu kalt für ein kühles Bier gewesen, so daß wir lieber zum Tee mit Rum griffen.

Nach der Rückgabe des Schiffes und erfolgreichen Preisnachlassverhandlungen mit dem Eigner fuhren wir am nächsten Tag zurück nach Glasgow, wo wir uns in einem Hostel einquartierten und die Freuden einer nicht kostenpflichtigen Dusche mit voller Stehhöhe ausgiebig genossen. Solchermaßen gestärkt brachen wir in die Stadt auf, und klapperten die wenigen Sehenswürdigkeiten ab. Das abschließende Captain's Dinner brachte die Reise zu einem tollen Abschluß.

Michael und Florian

Crew: Frank Müller-Boruttau, Bernhard Mehnert, Sebastian Böser, Florian Schrimpf, Michael Meyer

Schiffstyp: Jeanneau Sun 36

Zeitraum: 17.07.03 bis 03.08.03

Strecke: 364 sm unter Segel, 83 sm unter Motor