Akademischer-Seglerverein in München
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Helsinki - Stockholm - Rostock

techn. Daten: Dehler 39 cws, Länge 12,10 m; Breite 3,80 m; Tiefgang 1,95 m; Segelfläche 72 m²; 5,9 t;

Crew: Bb. Lohlein IV Philipp, Bb. Schrimpf Florian, Gast Herrea Amalio (bis Stockholm)

 

Route: Helsinki – Hankö – Mariehamn – Stockholm – Nynaeshamn – Kalmar – Christiansö – Ystad – Rostock

Distanz: 764 sm über Grund (511 sm unter Segeln, 252 sm unter Motor)

 

Die Reise entstand durch den Wunsch von Bb. Lohlein I, endlich St. Petersburg auf eigenem Kiel anzulaufen. Die Hinreise sollte durch Bb. Lohlein I erfolgen, für die Rückreise stand somit Lohlein IV als Schiffsführer fest. Der Crewwechsel sollte in einem günstig gelegenen Übergabehafen in Finnland erfolgen, von wo aus eine Aktivenseereise zurück nach Rostock führen sollte. Die Route zurück sollte wie die Hinreise ebenfalls über die baltischen Staaten führen. Dies jedoch war nur mit einer ausreichenden Mannschaftsstärke durchführbar. Hierauf angesprochen reagierten einige Aktiven mit großem Enthusiasmus, der jedoch jäh durch die anstehenden Prüfungen und dem allgemeinen Studienablauf gebremst wurde, so dass letztendlich für die Reise als Crew die BbBb. Lohlein IV und Schrimpf übrig blieben. Fazit: die Fahrt über das Baltikum war unmöglich und es begannen die Vorbereitungen für die Rückreise über Skandinavien. Wenige Wochen vor der Abreise paukte sich noch kurzentschlossen ein Gast, Amalio Herrera, der bis dato noch kein Segelschiff betreten hatte, für die Etappe Helsinki – Stockholm bei der unerschrockenen Crew ein.

Aurgia, Hafen Helsinki

Die Reise begann etwas forsch. Unser geplanten Frühschoppen, der eigentlich im AirBräu Terminal 2 stattfinden sollte, mußte aber durch die amerikanische Paranoia mit einem hermetisch abgeriegelten Sicherheitsbereich Ebene 5 auf Ebene 4 mit Cappuccino und Espresso verlegt werden. Daraufhin folgte ein leicht verspäteter Abflug. Der Pilot wollte die verlorene Zeit in der Luft wieder einholen, was zur Folge hatte, daß die Stewardessen kurz vor der Landung noch rasch die Behältnisse des nach dem Start servierten Sturzbieres einsammeln konnten. Nach einer gekonnt rasanten Landung mit angezogener Handbremse, mußte erst auf geeignete Transportmittel gewartet werden, da der Pilot zielsicher vor dem internationalen Terminal zu stehen gekommen war. Der Frankfurter Flughafen, unser Zwischenstop auf dem Weg nach Helsinki, begrüßte uns mit hohen Bierpreisen und langen Umsteigewegen. Die Weiterreise mit Pasta und Vino Rosso entschädigte uns für manches. Der letztendliche Zusammenschluß der Mannschaft erfolgte an der Gepäckausgabe des Flughafens Helsinki, wo der Dritte Mann bereits wartete – von München aus über Prag angereist. Zum Glück trafen wir am Taxistand die einzige deutsch sprechende Taxifahrerin Finnlands, die uns zielsicher zum Yachthafen brachte. Auf die Frage, welcher Teil des Hafens gemeint sei, entgegnete Lohlein IV nur: „Fahren Sie einfach vorbei, ich erkenne das Schiff von weitem.“ Gesagt, getan... schon bei der ersten Passage war das Schiff zielsicher erkannt – der Mast war einfach höher als die anderen. Daß außerdem der ASV-Stander auswehte, war ein weiterer Hinweis. Was folgte war klar, in Besitznahme des Schiffes und des von der Vorcrew bereits gebunkerten Proviants. Ein Dank an die gekonnte Einklarierung von Bier und Wein durch Lohlein I. Nach einer guten Viertelstunde waren die Kojen verteilt (jeder eine Kabine), die Einweisung erledigt, die Pasta auf dem Herd, der Rotwein entkorkt.

Augen zu und durch

Helsinki sollte nicht verlassen werden, ohne zumindest die Drei Sehenswürdigkeiten gesehen zu haben. Das Schiff zerrte bei der Rückkehr bereits an den Festmachern und nach einer schnellen Proviantergänzung wurde abgelegt. Nach passieren des raffiniert gesteckten Labyrinthes der Hafenausfahrt, wurde in einigermaßen freiem Seeraum Segel gesetzt. Der Wind wehte aus WSW mit der Stärke 3, was für den Reiseauftakt von der Windstärke her gutes Segelwetter verhieß, jedoch die Richtung eine Kreuz bescherte. Ungeachtet dieser Begebenheit wurden munter die ersten Seezeichen des zerklüfteten Archipels erkreuzt.

Hier sei etwas über die hiesige Navigation erwähnt. Das Kartenmaterial dieser Gegend für die Sportschiffahrt besteht aus einem ca. DinA 3 großem Ringbuch, deren Karten nicht unbedingt aufeinanderfolgen und deren sonstige Reihenfolge eher zufällig als systematisch erscheinen. Dieser Umstand macht in diesem Revier eine regelmäßige Tagesreiseplanung notwendig, die mit Seitenzahlen und deren Kartenfolgen vorher in Ruhe betrachtet werden will. Die Seezeichen in diesem Revier unterscheiden sich erheblich vom Kartenmaterial. Existieren da zwar Kardinaltonnen, die man nicht auf Anhieb als diese erkennen vermag, da die Farbe gelb entweder den Finnen als das bekannt ist, was in der deutschsprachigem Raum weiß benannt wird, oder die Farbe gelb ist schon länger ausgegangen; findet man dann aber sehr zum Erstaunen, mit Buchstaben gekennzeichnete, Baken, die dem Alphabet folgend benannt sind und so anhand der Reihenfolge in der Karte schnell nachvollzogen werden können.

Den krönenden Abschluß dieses ersten schönen Segeltages verbrachten wir vor Anker in einer traumhaft schönen Bucht mit... Pasta und Rotwein. Leider nahm der Wind über Nacht stark ab, so daß nach einigen heroischen Segelversuchen der Rest des Windes kurzerhand mit dem ehernen Leesegel bewältigt wurde. Mangels Wind wurden somit einige weiter innen liegende Durchfahrten befahren, die bei anständiger Brise wahrscheinlich in Lee oder Luv(?) liegengeblieben wären. Über Hankö und Utö konnte die Vielfalt der finnischen Schärenwelt, die von üppig begrünten großen Inseln bis zu weiten Wasserflächen mit neckisch aus dem Wasser lugenden Steinbrocken reicht, erkundet werden. Ein weiteres Etappenziel lag nun greifbar: Mariehamn auf den Aland-Inseln. Nach drei windarmen Tagen genoß die Crew die lange Kreuz bei bis zum teil starkem Wind, wenig Welle und Sonnenschein. Der Tag begann wenig vielversprechend. Utö mußte wegen der täglichen Fährverbindung zum Festland und des einzigen noch freien Liegeplatzes am Fähranleger schon um 7:00 Uhr verlassen werden.

Bei Nieselregen, noch schwachem Wind und ohne Frühstück konnte die von Wracks gespickt Haupteinfallroute in den Schärengarten erkreuzt werden. Einer Peilung der anderen folgend wurde Lumperland mit Reff 1 umschifft und die Einfahrt in die Alands erreicht. Ein langsam von achtern auf kommendes Segel weckte die Regattetriebe und so wurde kein Meter hergeschenkt. Eine unvermittelt einsteigenden Bö beim Verlassen einer engen Durchfahrt festigte den Entschluß rechtzeitig gerefft zu haben und mit Spannung wurde die Passage des folgenden Schiffes erwartet, das unter Vollzeug zu laufen schien. Die Kap- und Düseneffekt ließen den Nachfolgenden bei der Passage kräftig überholen und nach Loswerfen der Genoaschot mit flatterndem Tuch wiederaufrichten. Während die Dehler ungeirrt ihre Bahnen zog, wurde dort hinten das Vorsegel kräftig weggerollt. Einige Wenden später kreuzten sich unsere Kurse und es konnte festgestellt werden, daß es sich bei dem Kontrahenten um einen einheimischen Typ für Finnland, eine Swan, handelte, geschätzt 45 ft jedoch mit ungewöhnlicher Nationalen, dem Union Jack, - ein Britte!? Die Reise sollte noch viele Überraschungen bieten.

Die Swan hatte noch einige Arbeit bis sie 3 Stunden später endgültig verschwand, da den Westhafen ansteuernd, während unsere Reise den Osthafen als Ziel gewählt hatte. Vorbei an einigen tückischen Unterwasserhindernissen und durch eine der meist befahrenden aber deshalb nicht besonders breiten Fahrrinne führte der Weg zu einem sehr idyllischen Binnenmeer mit einem schwierig im Gegenlicht auszumachenden Nadelöhr Richtung Mariehamn.

Hier sei erwähnt, daß Mariehamn, gerade 100 Jahre alt, nur wenig zu sehen bietet, außer einer schönen Lage in den Alands, die wir über einen Kanal mit Drehbrücke erreichten, einer niedlichen Kirche, wobei sehenswerter der Kindergarten daneben ist, und, na ja wer kennt sie nicht, die Pommern natürlich. Der Hafen hatte zum ersten mal eine geöffnete und in Betrieb befindliche Sauna, was in Finnland auch nicht immer Regel ist. Auf der Reise wurden einige Häfen angelaufen in denen auch eine Sauna zum Sanitärtrakt gehört, jedoch mit seltsamen Öffnungszeiten, bzw. vorheriger Anmeldung.

Der Bug der Vasa

Die Überfahrt nach Schweden wurde auf Grund eines sehr böigen und stürmischen NW- Wind auf den darauffolgenden Tag verschoben was immer noch einen schnellen aber recht ruppigen Schlag zur Folge hatte. Der Dritte im Bunde, wollte bis Samstag den Flieger gen Heimat erreichen. Eine erneute schöne Ankerbucht und vorbei an der Feste Växholm und schon erreicht man völlig unvermittelt eine größere Schäre umfahrend Stockholm. Wir entschlossen uns, einen Liegeplatz im verkehrsgünstig gelegenen Vasahamn zu suchen wo wir auf zwei Schiffe des Hamburger ASVs stießen, von deren Crews wir über das geplante Verbandsaktiventreffen informiert wurden. Stockholm hat vieles zu bieten, zum Beispiel das Vasamuseet. Das Vasamuseet gehört zu den sehenswertesten Schiffsmuseen überhaupt. Man sollte sich hierfür mindestens einen halben Tag Zeit nehmen... den restlichen Tag kann man in Stockholm auch noch sinnvoll verbringen. Wir nutzen ihn beispielsweise, um zum ersten Mal unsere Vorräte ordentlich zu ergänzen. In Stockholm verließ uns dann auch ein Drittel unserer Crew.

Über die landschaftlich sehr reizvolle aber zum Teil auch sehr enge Südausfahrt Richtung Dallerö verließen wir Stockholm. Bei der Durchfahrt war der Kronenumfang der Bäume neben dem Kanal eine größere Herausforderung als die garantierte Wassertiefe von 2 Metern. „Fahr weiter an den Rand, da vorne kommt uns einer entgegen...“ – „Hast du mal nach oben geschaut?“

Kurz nach Verlassen der engen Durchfahrt konnten wir einen 95er-Schärenkreuzer in seinem natürlichen Lebensraum beobachten und unter Vollzeug an uns vorübergleiten sehen. Zu diesem Zeitpunkt fand in Nynaeshamn eine Schärenkreuzerregatta statt, die uns noch einige dieser Erlebnisse bescherte. Hier erreichte uns eine SMS von Bb. Mehnert, der uns begeistert mitteilte, daß seine Crew endlich passenden Wind zum Spisegeln gefunden hatte. Davon inspiriert setzten wir platt vor Laken laufend ebenfalls testweise unser buntes Tuch, was den Ehrgeiz in der Nähe befindlicher Boote anregte. Das entstehende Spi-Ballett ließen wir allerdings bald in unserem Heckwasser zurück. Bei langsam auffrischendem Wind entschlossen wir uns jedoch schon nach kurzer Zeit, aus Sicherheitsgründen den Spi wieder zu bergen... rückblickend betrachtet ein Fehler, da nur ein lokaler Düseneffekt den Wind verstärkt hatte, wir jetzt aber mit 2-3 Bft. sachte Richtung Süd-Westen liefen. Auf dem Weg zum Tagesziel warf uns Rasmus einen kleinen Felsbrocken vor den Kiel, der uns unter Spi wahrscheinlich verfehlt hätte. Mit vereinter Hilfe von schwedischer Marine und Seenotrettung konnten wir auch dieses Hindernis überwinden, auch wenn wir dafür Teile unseres Ruders opfern mußten. Die dabei entstandenen Schäden inspizierten wir am nächsten Tag im Hafen von Nynaeshamn und reparierten, was uns möglich war. Zusätzlich ermuntert durch das schlechte Wetter mit Sichtweiten um die 100 Meter beschlossen wir, hier auch noch eine zweite Nacht zu bleiben. Da sich bei einigen Testkringeln die Manövrierfähigkeit nicht wesentlich beeinträchtigt gezeigt hatte und die Bilgen nach der zweiten Nacht immer noch trocken waren, entschlossen wir uns, die Reise in großen Sprüngen nach Süden fortzusetzen. Das dabei immer freundlicher werdende Wetter und der moderate Wind beflügelten uns zu Etmalen bis zu 80 sm. Dennoch nahmen wir uns Zeit, einen typischen schwedischen Schärenliegeplatz zu suchen und das Schloß Kalmar zu besichtigen. Auch der Anblick der beiden netten jungen Damen, die das Eiscafé am Gästehafen betreiben, versüßte uns unseren Aufenthalt. Auf dem Weg nach Kalmar machten wir Station in Oskarshamn, das weniger wegen der Liegemöglichkeiten hier erwähnt sein soll, sondern als Warnung, daß die ein- und auslaufenden Fähren mit nahezu Höchstfahrt ohne Rücksicht auf Verluste durch das Fahrwasser pflügen. Die Reise führte uns über Sandhamn weiter nach Christiansö, das wir nach anfänglichem Nebel mit Sichtweiten deutlich unter 100 Metern und von Backbord achteraus aufkommenden Schraubengeräuschen, gelegentlich von einem lauten Signalhorn übertönt, unter Spi bei strahlendem Sonnenschein erreichten. Von dort aus zog uns unser Spi in zwei großen Schlägen über Ystad nach Klintholm. In beiden Häfen trafen sehr freundliche, aber vom Typ her völlig verschiedene Crews, die von unserer Reisegestaltung ebenso überrascht wie begeistert waren. („Die Süddeutschen halt, die ziehen das durch...“ – „Wie ich jünger war, habe ich auch solche Sachen gemacht.“) Das nach dem Einkauf in Ystad genossene Fatöl war auch nicht teurer als das Bier beim Stammtisch und durchaus genießbar. Vom Lätöl hingegen können wir nur abraten... selbst als Frühschoppen ist es nicht zu gebrauchen. Zum Abschluß der Reise konnten wir noch einen 11-Knoten-Surf, wieder unter Spi, kurz vor der Hafeneinfahrt von Rostock verbuchen. Nach schnellen 10 Tagen wurden in Warnemünde die Segel das letzte Mal geborgen und zum Tanken der Alte Strom angelaufen. Die bestehenden Plätze sind fast vollständig in der Hand des Warnemünder ASV, der sehr unhöflich jeden Segler abweist, und nicht gerade ein Vorbild für seemännischer Kameradschaft darstellt. Verärgert darüber verließen wir den Alten Strom und motorten die restliche Strecke die Unterwarnow hoch bis in den Stadthafen von Rostock, wo wir am Abend die Reise im Silo 4 mit Mojito und B52 unter den Tisch tranken.

Den nächsten Tag verbrachten wir mit dem Aufklarieren des Schiffes und machten uns am Freitag mit einem Leihwagen auf den Weg gen Süden und besuchten in Berlin noch Bb. Keller mit Familie bevor es endgültig nach München zurück ging.

Philipp Lohlein & Florian Schrimpf